42,195 Kilometer. Wer noch nie einen Marathon gelaufen ist, für den ist das einfach eine Zahl. Für mich war es der SwissCity Marathon Luzern im Oktober letztes Jahr. Eine Erfahrung, die mich seitdem nicht mehr loslässt. Nicht nur sportlich, sondern auch beruflich.
Ich bin Softwareentwickler bei xappido, und irgendwo zwischen Kilometer 20 und dem Ziel habe ich gemerkt, wie viel Laufen und Programmieren gemeinsam haben. Mehr als man denkt.
Fangen wir ehrlich an: Meine Marathon-Vorbereitung war alles andere als lehrbuchmässig. Ich laufe aktiv seit Anfang 2025 und habe mir über Monate eine solide Basis aufgebaut. Mein längster Lauf? Ein Halbmarathon. Und dann, etwa zwei Wochen vor dem Start, hat mir ein Arbeitskollege seinen Startplatz übertragen. Zwei Wochen. Doppelte Distanz. Klingt verrückt – war es auch.
In der Softwareentwicklung kennen wir das. Ein Projekt, das plötzlich den Scope verdoppelt. Ein Kundenwunsch, der zwei Wochen vor dem Release reinkommt. Man kann sich ärgern oder man kann sagen: Ich habe eine Basis, die trägt. Ich ziehe das durch.
Genau das habe ich gemacht.
Startschuss in Luzern, Adrenalin, die Beine tragen einen fast von allein. Die ersten Kilometer fühlen sich an wie der Beginn eines neuen Projekts: Alles fügt sich zusammen, die Motivation ist hoch, man hat das Gefühl, alles im Griff zu haben.
Aber erfahrene Läufer wissen: Wer es jetzt zu schnell angeht, bezahlt es später. Und erfahrene Entwickler wissen: Wer jetzt Abkürzungen nimmt – Tests weglässt, Architektur ignoriert, technische Schulden aufhäuft – der hat später ein Problem. Die Anfangseuphorie ist trügerisch, beim Laufen wie beim Coden.
Bei mir kam die Mauer nicht bei Kilometer 30, wie man es immer liest. Sie kam bei Kilometer 20. Krämpfe. Und das Bewusstsein: Man ist weit ausserhalb von Luzern, und der Weg zurück ist lang. Sehr lang.
In der Softwareentwicklung kenne ich diesen Moment. Das Projekt ist halb fertig, aber plötzlich tauchen die Bugs auf, die keinen Sinn ergeben. Edge Cases, die niemand bedacht hat. Anforderungen, die sich still und leise verändert haben. Man steckt mittendrin, und der Weg zum Release fühlt sich endlos an.
Was mir auf der Strecke geholfen hat: Ich habe nie ans Ziel gedacht. Nie an die vollen 42 Kilometer. Nur an den nächsten Abschnitt. Immer nur: weiter kommen. Nicht stehen bleiben.
Das ist vielleicht die wichtigste Parallele zur Softwareentwicklung. Wenn ein Projekt überwältigend wird, hilft es nicht, auf den gesamten Scope zu starren. Den nächsten Bug fixen. Den nächsten Test grün kriegen. Ein Problem nach dem anderen, ein Kilometer nach dem anderen.
Und dann war ich plötzlich da. Zurück in Luzern. Ziel. Für einen Moment ist man einfach nur stolz. Nicht weil es perfekt war, denn mit Krämpfen ab Kilometer 20 war es alles andere als perfekt. Sondern weil man durchgehalten hat!
Wenn ein Projekt live geht, fühlt sich das ähnlich an. Man weiss, dass es das Ergebnis vieler bewusster Entscheidungen ist. Es funktioniert, löst ein echtes Problem und man hat es durchgezogen, auch durch die harten Phasen.
Ich habe mich für den SwissCity Marathon 2026 angemeldet. Nicht aus einem Hochgefühl heraus, sondern weil ich weiss, was ich beim nächsten Mal besser machen kann. Das Ziel: unter 4 Stunden. Und vor allem: ein ganzes Jahr gezieltes Training, nicht zwei Wochen.
Im Grunde ist das das Gleiche, was wir nach jedem Release machen. Man schaut zurück, sieht was funktioniert hat und wo es gehakt hat, und nimmt das mit in die nächste Runde. Kein Neuanfang, sondern eine Verbesserung auf dem, was schon da ist.
Gute Software entsteht nicht durch Hektik. Sie entsteht durch Ausdauer, Fokus und sauberes Arbeiten. Durch die Bereitschaft, auch die harten Kilometer zu laufen, die Tests zu schreiben, die Dokumentation zu pflegen, die Architektur sauber zu halten, auch wenn niemand hinschaut.
Und manchmal entsteht sie auch dadurch, dass man eine Chance ergreift, die man nicht geplant hat und dann einfach durchzieht.
Wir sehen uns 2026 an der Startlinie. Und bis dahin: einfach einen Kilometer nach dem anderen!





